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Mittwoch, 27. April 2016

Pointe Adolphe Rey - Voie Salluard (6a+)

So quasi auf dem Heimweg von unserem Chamonix-Aufenthalt an Pfingsten 2014 wollten wir noch eine schöne Route klettern. Die Efforts von den Tagen zuvor (siehe 1,2) forderten ihren Tribut, so dass wir vom sehr frühen Aufstehen und der Begehung der Nordwand am Tour Ronde absahen. Etwas Bedauern war da schon vorhanden, aber Trübsal zu blasen galt es nicht. In unmittelbarer Nähe des Tour Ronde befinden sich nämlich auch die fantastischen Pfeiler der Pointe Adolphe Rey mit ihrem goldgelben, perfekten Chamonix-Granit. Da der Weg zurück vom Rifugio Torino zur Aiguille du Midi unmittelbar am Einstieg vorbeiführt, wollten wir ebendort die bekannte und hochgelobte Voie Salluard anpacken.

Frühmorgens der übliche Aufstieg vom Rifugio Torino zum Petit Flambeau, im Hintergrund die inzwischen beendete Grossbaustelle für die neue Bahn von Courmayeur zur Pointe Hellbronner.
So sieht die Perspektive in die andere Richtung aus. Dies ist die Südseite des Mont Blanc du Tacul mit seinen Satelliten. Die hier sichtbaren Felstürme bieten alle sehr gute Kletterei in perfektem Fels. Die Pointe Adolphe Rey ist die breite, dunkle Wand rechts.
Wie immer ging es von der Hütte zu Fuss über hartgefrorenen Schnee hinauf zum Übergang des Petit Flambeau, um dann rückseitig über hartgefrorenen Schnee ins Becken des Glacier du Géant abzufahren. Am Schluss, gegen den Einstieg an der Pointe Adolphe Rey hin, sind mehr oder weniger zwingend die Felle zu montieren, zudem erfordert der Gletscher mit seinen vielen verdeckten Spalten unbedingt das Anseilen, alles andere wäre suizidal. Um etwa 6.30 Uhr waren wir bei schönstem Sonnenschein und bereits sehr angenehmen Temperaturen als Erste am Einstieg, was will man noch mehr! Der Wechsel von winterlicher Ski- auf sommerliche Kletterausrüstung ging auf dem bequemen, aperen Podest am Felsfuss problemlos vonstatten. Sodann wollte ich die Route gleich über eine Variante anpacken.

So sieht es aus, wenn man unter der Route steht. Sie verläuft ziemlich geradlinig in der Bildmitte über den ESE-Pfeiler, welcher schon einen enormen Schwung hat, zu dessen Gipfel. Für Details konsultiere man das Bild mit dem eingezeichneten Routenverlauf weiter unten. 
L1, 35m, 5c+: Im Prinzip kann man hier rechtsherum auf die Nordseite des Pfeilers gelangen und hintenrum in etwas zweifelhaftem, einfachem Fels (4a) zum ersten Stand gelangen. Das macht aber herzlich wenig Sinn, ist doch direkt über dem Depot eine klar geschnittene, cleane Rissverschneidung mit einem sauberen Splitter Crack im Grund. Es wäre sehr schade, diese auszulassen! Sie klettert sich leichter, wie der etwas einschüchternde Anblick vermuten liesse.

Hier geht's los! Am besten klettert man in L1 die cleane Rissverschneidung in Bildmitte, nicht rechtsherum im Bruch.
L2, 30m, 6a+: Schon ein paar moderate Meter nach dem Stand von L1 folgt die Crux der Tour, welche durchaus nicht zu unterschätzten ist. Ein kleiner Überhang will in feiner Kletterei gemeistert werden und auch danach lässt es nicht gleich nach, so richtig gute Henkel gibt es nämlich keine. Entgegen den Angaben in Web und Literatur würde ich hier auf jeden Fall 6a+ oder sogar 6b veranschlagen. Hinzu kommt, dass sich an dieser Stelle nach meinem Empfinden auch nicht bombensicher selber Sicherungen legen liessen. Allerdings steckte genau an entscheidender Stelle ein eher zweifelhafter NH, in welchen wohl üblicherweise eine Trittschlinge eingehängt wird, so kommt man mit ca. 6a/A0 durch. Nach dieser Stelle führt die Seillänge etwas einfacher, aber längst nicht trivial weiter, erst entlang von feinen Rissspuren, nachher an einem breiten Riss. 

Kathrin folgt im oberen Teil von L2 (6a+), welche die deutlich schwerste Stelle der Route bereithält.
L3, 25m, 5c+: Recht fordernder Start an einem feinen Riss. Hier liessen sich kurz einmal auch nicht unbedingt à discretion Sicherungen versorgen und ich war froh, dass ich selbst einen kleinen Keil unterbringen konnte. Danach geht's kurz leicht rechts der Kante in die Höhe zu bequemem Stand.

Am Ende von L3 (5c+). Der Gletscher im Hintergrund sieht zahm aus, dieser Eindruck täuscht aber sehr!
L4, 25m, 5b: Einfachere Seillänge in einer Verschneidung, welche sich zu einer breiten Rinne erweitert und keine grossen Schwierigkeiten mehr bietet. Auch der nächste Stand befindet sich auf einer bequemen Terrasse. Wer unbedingt will, kann L3 & L4 wohl auch verbinden.

Herrliche Sicht zur Nordwand des Tour Ronde gleich gegenüber - diese Tour wäre auch zu machen!
L5, 35m, 5c+: Hier gilt es, eine steile, kaminartige Verschneidung mit einem Doppelriss im Grund zu klettern. Sieht auch wieder ziemlich herausfordernd aus und bis auf ein paar allenfalls fix verklemmte Gerätschaften steckt da nix. Klettern lassen tut es sich dann aber einfacher wie gedacht, vor allem weil man die Füsse doch hin und wieder an den Seitenwänden setzen kann. An offensichtlicher Stelle schliesslich links steil über einen Überhang aus der Verschneidung raus und zum Schluss Querung übers Blockwerk nach links.

Hier (in Bildmitte) führt L5 (5c+) dem Doppelriss entlang in der kaminähnlichen Struktur aufwärts.
L6, 20m, 5c: Kurze, steile Wandstelle vom Stand weg, dann einfacher, plattiger Granit und schliesslich über eine etwas geröllige Zone beinahe im Gehgelände an den BH-Stand etwas unterhalb, oder dann gleich hinauf zum Fuss des oberen Wandteils, wo selber ein Stand eingerichtet werden muss. 

Nach dem Startboulder am Einstiegswändchen folgt in L6 (5c) noch etwas einfache Plattenkletterei.
L7, 50m, 5c+: Steile, ziemlich kühne Wandkletterei an griffigen Schuppen und Rissen. Hier sind zwei verschiedene Wege möglich, entweder direkt hoch oder vermutlich etwas einfacher, in einer kleinen Rechtsschleife. Der Stand befindet sich bei einer kleinen Scharte mit Blick ins Couloir hinter dem ESE-Pfeiler. Hier hätte man selbst an den ultraheissen Pfingsten 2014 tatsächlich noch Mixed klettern können!

Sicht auf den oberen Teil der Route, die hier in der rechten, beigefarbenen Wand und nicht etwa der Verschneidung oder der Kante entlang verläuft. Siehe unten für dasselbe Bild mit eingezeichneter Routenlinie.
Kathrin folgt in der steilen und griffigen L7 (5c+). Unten sichtbar die geröllige Terrasse am Ende von L6.
L8, 35m, 5c+: Ähnlicher Charakter wie in der Länge zuvor, d.h. steile und griffige Wandkletterei. Man tendiert dabei etwas nach links um in einem steilen, henkligen Abschlussüberhang eine geräumige Plattform unter dem Pfeilergipfel zu gewinnen.

Im Abschlussüberhang von L8 (5c+).
L9, 35m, 5c: Einige wenige Meter nach links gehen und die dort ansetzende Verschneidung nach rechts hoch klettern. Weiter in schöner Risskletterei, bis schliesslich der finale Stand gleich unter dem Pfeilergipfel erreicht wird. 

In 5 gestreckten Abseilmanövern wo 2x50m-Seil beinahe stets bis auf das letzte ausgenützt werden (aber ausreichend sind!) erreicht man ziemlich bequem wieder den Einstieg mit dem Depot. Aber Achtung, es handelt sich hier um Granit, und da warten etliche Schuppen nur darauf, das Seil zu fressen und einen Verhänger zu produzieren. Wir hatten in dieser Hinsicht Glück und gelangten ohne derartige Vorkommnisse nach unten. Sodann galt es wieder, in die Skischuhe zu schlüpfen, warme Kleidung anzulegen war hingegen im Angesicht der herrschenden Wärme und des wartenden Aufstiegs zurück zur Aiguille du Midi überflüssig. So ging es in einer kurzen Abfahrt mit den Fellen zum tiefsten Punkt, um dann langgezogen an der Ostflanke des Mont Blanc du Tacul entlang aufzusteigen. Dort herrschte richtig Action, wegen den Hitzetemperaturen und der Sonneneinstrahlung rumpelte es beständig in diesen Wänden mit den vielen beliebten Mixedrouten wie dem Supercouloir oder der Modica-Noury. Der Gipfel war dann noch eine gewaltige Lawine, welche praktisch die komplette Firnauflage im Jager-Couloir ausräumte. Das eindrückliche Schauspiel war zwar eher traurig, unterhielt uns aber während dem anstrengenden Aufstieg vorzüglich, denn wir waren in sicherer Distanz. Schliesslich galt es dann noch, das Flachstück über den Col du Midi und die Schlusspassage über den Grat zu meistern. Wie immer zieht sich dieses Stück gehörig in die Länge und die Müdigkeit in den Beinen wird überaus spürbar. Dann war es aber geschafft, auf den vielen Terrassen der Station konnte noch die fantastische Aussicht genossen werden, bevor wir fast 3000hm ins Tal schwebten, wo eine regelrechte Affenhitze herrschte. Mit diesen Abenteuern in der Tasche und mit Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kindern liess sich auch die lange Heimfahrt ohne Grummeln erledigen.

Facts

Pointe Adolphe Rey - Voie Salluard 6a+ (TD-, 6a obl.) - 9 SL, 290m - Busi/Salluard 1951 - ****;(xxx)
Material: 2x50m-Seile, 1 Set Camalots 0.3-3, 1 Set Keile

Sehr schöne Kletterei von homogener Schwierigkeit, welche über den eleganten ESE-Pfeiler auf einen Nebengipfel der Pointe Adolphe Rey führt. Die Kletterei ist fast durchgehend von sehr guter Qualität an sauberen Rissen, steilen Wandstellen mit Schuppen und der einen oder anderen Einlage in Verschneidung oder Kamin, Plattenkletterei gibt es hingegen so gut wie gar nicht. Die Route wurde 2012 saniert. Konkret bedeutet dies, dass an allen Ständen nun 2 grundsolide Inox-BH stecken, an welchen auch gut abgeseilt werden kann. Die Seillängen wurden im Rahmen der Sanierungsaktion komplett von allen NH befreit. Einige vereinzelte gingen entweder vergessen oder wurden wieder neu platziert. Die Route muss daher fast ausschliesslich selber abgesichert werden, was aber generell gut bis sehr gut möglich ist. Mir persönlich war 1 Set Camalots 0.3-3 und 1 Set Keile gut ausreichend, die mittleren Camgrössen könnte man jedoch sicherlich auch doppelt versorgen. Zu erwähnen ist, dass 2 Stellen in L2 und L3 mit den +/- schwersten Moves der ganzen Route ziemlich obligatorisch frei zu klettern sind. Hier kann man sich nicht (zumindest ohne gröber in die Trickkiste zu greifen) einfach an den Sicherungen hinaufschwindeln. Die in der Literatur/Web zu findenden, klassischen Angaben zur Schwierigkeit passen sicherlich nicht mehr zum heutigen Standard. Ich habe sie in meiner obigen Beschreibung daher moderat nach oben angepasst. Kurzum: man bewegt sich beinahe durchgehend in 5c/6a-Gelände, welches bis auf die Stände komplett selber abgesichert sein will.

Ausgenagelt! Dieses Material wurde bei der Sanierungsaktion 2012 aus der Route entfernt. Neu platziert wurden nur 18 Inox-BH an den Standplätzen. Mit dieser Sanierungsaktion hat sich der Routencharakter also stark verändert. Wobei man hier definitiv sagen kann zum Guten, denn es kann fast überall gut selber abgesichert werden.
Weitere Bemerkungen

Der Gletscherbereich zum Einstieg hin ist extrem verschrundet und gefährlich. Im Frühsommer (die wohl beste Jahreszeit für diese Tour) mag dies nicht so gut ersichtlich sein. Anseilen auf dem Weg zum Einstieg ist jedoch auf jeden Fall Pflicht!!! Besondere Vorsicht erfordert auch, dass man an dieser Stelle den Hang parallel zu den Spalten quert. Ebenso kann die Randspalte/-kluft sehr gefährlich sein. Spät im Jahr kann der Zustieg wegen der Spalten und der Randkluft schon eine alpine Herausforderung für sich sein, ja im Extremfall sogar unmöglich!

Man klettert zwar nicht wirklich auf den Gipfel, zumindest dann nicht wenn man wie üblich den alpinen Originalausstieg der Erstbegeher zur Pointe Adolphe Rey auslässt. Dieser ist ungebräuchlich, weil es dafür alpines Material, schwere Schuhe und nicht nur Kletterausrüstung braucht, und man danach über routenfremde Stände etwas umständlich in der Südwand abseilen muss. Trotzdem kommt das Gipfelerlebnis auch ohne den Originalausstieg nicht zu kurz, von unten betrachtet gibt der Gratzacken auf den die Tour führt echt was her und sowieso, besonders selbständig ist auch der Hauptgipfel der Pointe Adolphe Rey nicht.

Die beste Jahreszeit, um diese Route zu klettern ist sicherlich das Frühjahr. Die Gletscherzustiege sind dann weniger kompliziert und man kann sich noch mit den Ski bewegen. Schnelle Seilschaften klettern die Tour ab der Pointe Hellbronner oder (etwas aufwendiger) von der Aiguille du Midi mit jeweiliger Rückkehr zum Ausgangspunkt als Tagestour. Die Kirsche auf der Torte ist natürlich, wenn man die Tour noch mit einer Abfahrt durch das Vallée Blanche verbinden kann. Nach langen Schönwetterperioden und an milden, windschwachen Tagen im März oder April kann dieser Plan dank der extrem sonnigen Lage der Route aufgehen.

Topo

Einen richtig guten Führer mit den besten Felstouren in Chamonix gibt es leider nach wie vor keinen. Das alte Werk von Michel Piola ist vergriffen, in viele Punkten nicht mehr aktuell und überzeugt im Fall der Voie Salluard leider auch nicht mit einem präzisen Topo. Im Internet finden sich einige Skizzen und Fotos mit Routenverläufen, ich fand nix davon überzeugend. Am besten ist noch das käuflich erwerbbare Stück von Topoguide, welches jedoch vor der Sanierung entstanden und daher nicht mehr aktuell ist. Zudem fehlt z.B. auch die letzte Seillänge zum Pfeilergipfel. Mein Beitrag in Bezug aufs Topo ist unten abgebildet :-)

Verlauf der Voie Salluard an der Pointe Adolphe Rey.
Verlauf der Voie Salluard an der Pointe Adolphe Rey im oberen Teil.

Dienstag, 19. April 2016

Die schwersten Sportkletterrouten der Schweiz

Wo findet man die schwersten Sportkletterrouten in der Schweiz? Meines Wissens gab es bisher keine vollständige und korrekte Liste, so dass ich die Informationen aus verschiedenen Internet-Quellen erst einmal zusammenklauben musste. Wie die Recherche zeigte, gibt es in der Schweiz inzwischen rund 30 Routen, für welche der neunte Franzosengrad entweder vorgeschlagen oder bestätigt wurde. Um den Aufwand überschaubar zu halten, habe ich mich also auf Routen im Grad 9a oder höher beschränkt. Auch wenn man (wie ich selber) nicht in diesen Graden klettert, so sind die Geschichten um diese Routen und ihre Protagonisten doch für alle Kletterer sehr interessant. In einigen Fällen kennt man viele Details und die Begehungen sind mit aufwändigen Videos dokumentiert. Bei anderen Routen haben sich die Geschehnisse mehr im Obskuren der dunklen Wälder und steilen Felsen abgespielt. An dieser Stelle ein Abriss über die harten Moves der Schweiz, der das enthält, was ich aus vielerlei Quellen zusammenbringen konnte.  

Charmey: Meiose (9b), Chomosome Y (9a), Chromosome X (9a) & Transcription (9a)

Pirmin Bertle, ursprünglich aus unserem nördlichen Nachbarland, lebte während mehrerer Jahre im Kanton Fribourg und bereichte die Gegend mit diversen harten Geräten. Unter anderem mit den vier hier gelisteten Routen im Sektor Tribune bei Charmey, die allesamt an demselben Stück Fels verlaufen und deshalb schlicht und einfach zusammengehören. Die Meiose (9b), nach Bewertung die aktuell schwierigste Route der Schweiz, besteht dabei aus dem Einstiegsboulder von Chromosome Y, der bei Fb 8B eincheckt, einer anschliessenden Fb 7B+ Passage, welche ohne Ruhepunkt in die Crux von Chromosome X weiterführt, die einen weiteren Fb 8B Boulder bereithält. Zur Anmerkung: in einer 7a-Route erwartet man die schwersten Boulderpassagen je nach Ausdauerfaktor bei 6A/6B, in einer 8a-Route bei etwa 7A. Gepunktet wurde die Königsvariante von Pirmin im Herbst 2015 nach rund 150 Versuchen, und zwar an seinem letzten Klettertag, bevor er seine Zelte im Greyerzerland zu Gunsten einer Weltreise definitiv abbrach. Zu erwähnen ist hier auch noch, dass der Rotpunkt schliesslich erst nach einem Gewichtsverlust von ~10kg gegenüber den ersten Versuchen gelang, was wir weiter unten noch einige weitere Male lesen werden.

Pirmin Bertle in Meiose (9b). Etwas Schulterkraft scheint doch eher unerlässlich. Bild: lizardclimbing.com
Die beiden Zwillingsrouten Chromosome Y (9a) und Chromosome X (9a) wurden ja bereits oben erwähnt. Chromosome Y besteht dabei aus einem 8B Startboulder, der in einen 7B+ Boulder und eine 15m lange Schlusspassage im Klettergrad 7c+ führt. Bei Chromosome X ist es hingegen ein 7C-Sprung zum Start, gefolgt von einer kleingriffigen 8B-Boulderpassage, dafür ist der Ausstieg für diese Verhältnisse schon fast einfach mit einer 7b+ zu haben. Speziell an diesen Zwillingsrouten ist auch, dass Pirmin Bertle sie innerhalb von weniger als 2 Stunden im März 2012 gepunktet hat. Das muss wohl ein Tag gewesen sein, wo die Gravitation gerade etwas Pause machte... Zu erwähnen ist auch noch, dass auch Grossmeister Adam Ondra diesem Stück Fels im Dezember 2014 einen Besuch abstattete. Was dabei herauskam: eine Flash-Begehung von Chromosome Y, also etwas was zu den höchsten Leistungen überhaupt im Klettersport zu zählen ist. Der Grad von 9a wurde dabei mit dem Zusatz "soft" bestätigt. Adam liess sich dabei übrigens jede Bewegung vom ähnlich grossen Pirmin genau vorklettern und erklären. Im April 2017 sicherte sich der Berner Alex Rohr die dritte Begehung von Chromosome Y. Nach einigen erfolglosen Versuchen im 2016 kam der Erfolg im 2017 sehr schnell, d.h. bereits am zweiten Klettertag. Daher ist sich Alex nicht ganz sicher, ob die Route den Grad 9a wirklich verdient, oder nicht einfach nur eine 8c+ sei. Vielleicht habe ihn das Wintertraining aber auch einfach so stark gemacht, meint er. On verra, in nächster Nähe gäbe es ja durchaus noch das eine oder andere Testpiece für überschüssige Kräfte!

Pirmin Bertle am letzten schweren Zug von Meiose (9b). Bild: lizardclimbing.com
Nun, nach einem 9a-Flash macht Adam Ondra noch nicht Feierabend. Die Zeit wurde genutzt, um den Felsen in Charmey eine weitere Erstbegehung abzuluchsen. Dabei handelt es sich um die Route Transcription (9a), welche den Direkteinstieg über einem schmalen Fingerriss zur Chromosome Y darstellt. In einem 90-minüten Ausbouldern wurde die Route von Adam erst als "unkletterbar", etwas später dann als "harte 9a+" bezeichnet. Nachdem eine kurze Zeit später der Rotpunkt-Durchstieg im zweiten Go gelungen war, gab es dann halt doch nur eine 9a für dieses Teil, das seither in einem unwiederholten Zustand auf weitere Begeher wartet.


Gastlosen: Torture Physique (9a+/9b)

Diese Route befindet sich im fantastischen Sportklettergebiet auf der NW-Seite der Gastlosen. Sie existiert in 3 Versionen, darum wird es etwas kompliziert. Ursprünglich kletterte man die Route mangels besserem Können bis zu einem guten Griff auf 22m Höhe, zwei BH vor dem ersten Stand. Diese Version wurde 1995 von Elie Chevieux als erstem gepunktet und ist eine 8c, gehört also nicht zu den härtesten Routen der Schweiz (wenn man sie überhaupt als Route zählen will). Der zweite Teil umfasst dann einige Meter an zusätzlicher Kletterei zum ersten Stand. Diese beinhalten zwei Boulderstellen in den Graden 7B und 7B+. Der erste Rotpunkt geht auf Pirmin Bertle im Jahr 2010 zurück, welcher eine Bewertung von 9a vorschlug, mit der Bemerkung die Route sei deutlich härter als Cabane au Canada (9a).

Im Sommer 2013 stieg dann Adam Ondra in die Torture Physique ein. Sein Onsightversuch endete erst, nachdem der erste Stand geklippt war. Somit ein (weiterer) 9a-Onsight von ihm? Nein, denn er bewertete den Teil bis zum ersten Stand nur als harte 8c+. Allerdings mit der Bemerkung, dass er von seinem Klippgriff nur den einen, aber nicht beide Standhaken hätte einhängen konnte. Wären noch die beiden zusätzlichen Züge und das Einhängen des zweiten Standhakens nötig, so würde es sich um eine 9a handeln. Das dünkt mich allerdings arg spitzfindig, denn Stand geklippt, Route gepunktet, fertig. Wie auch immer, definitive Aufnahme in diese Liste findet die Torture Physique vor allem aber wegen den 8 zusätzlichen Metern vom ersten zum zweiten Stand. Diese sind stark überhängend und vor allem einfach sauschwer. Der Durchstieg gelang Adam Ondra im Sommer 2013, im fünften Versuch an seinem zweiten Tag in der Route. Er meinte, mit seiner Grösse und seiner Flexibilität würde es sich womöglich "nur" um eine harte 9a+ handeln, für alle anderen dürfte aber der Grad 9b fällig sein. Auf jeden Fall findet man hier sicherlich einige der härtesten Schweizer Klettermeter.

Klettern an den Gastlosen in der Abendsonne, besser geht's kaum. Hier die Torture Physique. Bild: gastlosen.ch

Rawyl: Hyper Finale (9a+) & Super Finale (9a)


Im Juli 2016 konnte kein geringerer als Adam Ondra diese vom Local Bertrand Marteney eingebohrte Linie rechts von Cabane au Canada (9a, siehe unten) punkten. Es handelt sich dabei um Kletterei im Bereich 9a zu einem guten Rastpunkt, gefolgt von einer knifflig-schweren Bouldercrux, welcher der Meister in simplem 3 Versuchen erledigen konnte. So weit, so gut, doch nun wird's etwas kompliziert: wenige Wochen zuvor hatte auch Jonathan Siegrist sich eine Erstbegehung mit dem Namen Hyper Finale buchen lassen und dafür den Grad 9a ausgeworfen. Er konnte jedoch die finale Bouldercrux nicht lösen und ist deswegen vom Rastpunkt über die Cabane au Canada linkerhand ausgestiegen. Gemäss Adam Ondra sei diese Variante jedoch "unlogisch", und vor allem auch der für die direkte Linie vorgesehene Name Hyper Finale unpassend - wenn's denn überhaupt eine Route bzw. Begehung ist. Zusätzlich gibt's eine weitere Verbindungsvariante, die mit der Hyper Finale startet und dann in Routenhälfte in die Etoile de Maya quert. Somit wurde die Schweiz hiermit um 2 oder 3 neue 9er-Touren bereichert, wie man's nimmt.


Jansegg: Des Scènes Bizarres Dans La Mine d'Or (9a+)

Auch diese Route geht auf das Konto von Pirmin Bertle, der sie im August 2015 nach einem Aufwand von 16 Tagen gepunktet hat. Der Breakdown lautet wie folgt: eine 10m lange Einstiegspassage an schönen Löchern im Grad 8a, abgeschlossen von einem moderaten Ruhepunkt. Danach gilt es einen 6-Zug-Boulder im Grad Fb 8B zu ziehen, welcher zu einem guten Fussklemmer-Ruhepunkt führt. Von diesem wartet ein weiteres, kurzes Fb 8A Boulderproblem, das schliesslich in einen relativ leichten 7b+ Ausstieg führt. Das wären die technischen Daten, die Route ist auch mit einem guten Video dokumentiert...

Mit dieser Route hat Pirmin in der Szene sehr kontroverse Diskussionen ausgelöst. Dies ist zu einem grossen Teil ihm selber zuzuschreiben. Auf seiner Webseite schreibt er, seine Tour handle sich um die "drittschwerste der Alpen" und er sei der "dritte Deutsche, der eine ernstzunehmende 9a+ klettert". Nun ja, die Alpen beginnen eigentlich in Nizza und enden so etwa bei Wien und in Slowenien. In diesem Gebiet gab es zur Zeit seiner Begehung rund ein Dutzend weitere Routen, welche mit 9a+ bewertet sind, sowie auch drei 9b's. Daher ist das objektiv gesehen doch relativ dick aufgetragen, dass seine 9a+ die drittschwerste ist. Und es sind doch immerhin auch 6 Deutsche, welche vor Pirmin eine 9a+ geklettert sind. Offenbar genügen 4 davon seinen Qualitätskriterien nicht, genaue Namen wurden aber nicht genannt. Diese Aussagen sind natürlich schon reichlich selbstbewusst und auch ungewohnt despektierlich gegenüber anderen Kletterern. 

Tja, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Dieser Fall trifft hier insbesondere zu, da Pirmin's schwerste Routen vorwiegend unwiederholte Erstbegehungen sind, deren Schwierigkeitsgrade bis dato unbestätigt sind. Dazu wird sein Track Record bemängelt, hat er doch "nur" (oder vielleicht auch "immerhin") zwei bestätigte 9a's wiederholt (Jungle Speed und Cabane au Canada), sowie auch 8 Routen im Grad 8c+. Es wurde dann entdeckt, dass dieselbe Situation auch beim Bouldern in noch extremerem Ausmass vorliegt. Dort hat Pirmin mehrmals die weltweiten Spitzengrade 8C+ und 8C für seine Erstbegehungen ausgeworfen, kann aber selber nur eine einzige Wiederholung eines 8B-Boulders vorweisen. Wir können gespannt sein, welche Fortsetzung diese Geschichten nehmen, wenn seine Routen und Boulder irgendwann wiederholt werden. Bis dahin bleiben seine Vorschläge stehen und ich will mich auch nicht zu stark in die Polemik einmischen. Jedenfalls scheint es mir hier durchaus plausibel, dass man als stark gebundender Familienvater vor allem vor seiner Haustür klettert und nicht um die Welt reist, um sich vor den Augen von Zweiflern in anderen Testpieces zu beweisen.

Auftakt zur 8B-Boulderpassage in den bizarren Szenen in der Goldmine (9a+). Foto: lizardclimbing.com

Telli: Licht und Schatten (9a+)

Diese Route wurde von Stephan Schibli nach 3-jähriger Arbeit im November 2015 erstbegangen. Er bezeichnet sie als deutlich schwerste aller von ihm gepunkteten Routen, und das will etwas heissen, hat er doch auch drei 9a's (siehe unten) auf seinem Konto. Allen diesen Routen gemeinsam ist, dass sie sehr kleingriffig und diffizil sind, Stephan ist definitiv ein Master, wenn es um kleinste Strukturen im Fels geht. Obwohl es keinen objektiven Grund gibt, am seinem Vorschlag für Licht und Schatten (9a+) zu zweifeln, so gilt ähnliches wie im Fall von Pirmin Bertle. In der Szene wird bemängelt, dass fast alle Erfolge von Stephan in eigenen, noch unwiederholten Routen zu verzeichnen sind. So hat er gemäss seinem Profil auf 8a.nu oberhalb von 8b+ nur gerade eine Toprope-Begehung von Bain de Sang (9a) und von Duc Power (8c) im Telli an Wiederholungen von bestätigten Routen aufzuweisen. Aber eben, das muss nichts heissen und ist ja gerade auch das schöne am Klettersport. Hier kann man sich ohne das Durchlaufen von Kadern und Selektionen direkt und selbständig auf höchstem Niveau beweisen. Zudem, als berufstätiger Familienvater wie Stephan liegt es nahe, seine allerschwersten Routen an Felsen in der näheren Umgebung zu versuchen. Und das Rumjetten in der weiten Welt zum Ticken der berühmten Sportkletter-Testpieces fällt logischerweise aus. Warten wir doch gespannt darauf, was die Wiederholer einst über diese und seine anderen Routen berichten mögen.


St. Loup: Bimbaluna (9a/9a+)

Die Route Bimbaluna (9a/9a+) stammt von Fred's älterem Bruder François Nicole, welcher sie im Mai 2004 erstbegehen konnte. Sie hat in den Jahren danach 3 Wiederholungen gesehen und der Grad von 9a/9a+ gilt als einigermassen etabliert. Es handelt sich um eine sehr bouldrige Tour, wo sich die Schwierigkeit auf 10 Züge extrem kleingriffige Züge im Bereich von Fb 8B konzentriert. Für Laien und durchschnittliche Kletterer sieht diese Stelle beinahe komplett glatt aus - kleinste Unebenheiten und Löcher wollen für das Fortkommen genutzt sein. Äusserst speziell an dieser Route ist die Tatsache, dass sie eine Frauenbegehung erhalten hat, und zwar durch Josune Bereziartu im Mai 2005. Damit handelt es sich bis dato immer noch um eine der schwersten, wenn sich sogar um DIE schwerste, je von einer Frau gepunktete Route - bis dato hat noch nämlich noch keine Frau eine Route gepunktet, für welche der Grad von 9a+ offiziell bestätigt und akzeptiert ist. Speziell auch die Geschichte von Manolo Zanolla, der sich die Begehung dieser Route als neue persönliche Bestleistung zum 50. Geburtstag schenkte. Für ihn waren dazu 5 Trips nach St. Loup mit je fast 1000km Anfahrt vonnöten - dies zeigt eindrücklich, dass in diesen Schwierigkeiten nichts mehr ohne eine gewisse Verbissenheit geht.

Josune Bereziartu in Bimbaluna (9a/9a+). Bild: baurock.ru

St. Loup: Bain de Sang (9a)

Weltweit bekanntes Testpiece von Altmeister Fred Nicole, bereits 1993 erstbegangen und damit potenziell eine der frühen Routen weltweit in diesem Grad - konkret die dritte weltweit, für welche bei der Erstbegehung eine 9a ausgeworfen wurde. Die Kletterei in der leicht überhängenden, wenig strukturierten Wand spielt sich an mickrigen, rasiermesserscharfen Crimps ab - das hat auch für den Namen der Route ("Blutbad") inspiriert. Die Kletterei ist aufgrund der Trittarmut äusserst technisch und kann in einen ersten Routenteil von ungefähr 8c mit einem 8A Boulder und einen zweiten Teil von nochmals 8c mit einem 8A+ Boulder ganz am Ende aufgeteilt werden, unterbrochen von einem Fussklemmer No-Hand-Rest. Bisher sind ein Dutzend Wiederholungen von Bain de Sang (9a) bekannt, darunter diejenige von Josune Bereziartu, welche damit 2002 als erste Frau überhaupt in einer 9a erfolgreich war. Der Grad ist allerdings nicht grundsolide in Stein gemeisselt: einige Wiederholer waren sehr schnell erfolgreich und eine Abwertung auf 8c+ steht im Raum. Am pointiertesten in dieser Hinsicht äussersten sich Dave Graham (welcher nur 3 Versuche für den Rotpunkt) brauchte, sowie Iker Pou. Letzterer meinte, Bain de Sang sei einen Grad einfacher als DIE Referenz-9a schlechthin, nämlich Action Directe. Und wenn sogar er als Spezialist für extreme Lochklettereien à la Action Directe zu diesem Schluss kommt...

Der No-Hand-Rest in der Mitte der Route Bain de Sang (9a). Bild: planetmountain.com

St. Loup: La Chimère des Hauteurs (9a)

Über diese Route ist erstaunlicherweise nur wenig bekannt und sie bleibt auch ohne Wiederholung, obwohl sie sich im selben Sektor wie Bimbaluna (9a/9a+), Bain de Sang (9a) und Ultime Souffrance (9a) befindet. Sie wurde ebenfalls von Fred Nicole erstbegangen, und zwar Dezember 2002. Er selber hat sie als die schwerste Kletterroute bezeichnet, welche er je begehen konnte. Es handelt sich um die Verlängerung einer 8a mit demselben Namen, dürfte sich also um ordentlich harte Moves in üblichen, kleingriffig-messerscharfen St. Loup Style handeln.


St. Loup: Ultime Souffrance (9a)

Nach 4 Jahren Arbeit, nahezu 1000 (!!!) Versuchen in der Route und 30 Paar verbrauchten Schuhen konnte der dannzumals 39-jährige David Hohl im September 2008 die Ultime Souffrance (9a) punkten. Sie befindet sich im gleichen Sektor wie die ungleich bekanntere Bain de Sang (9a) und stellt eigentlich eine Einstiegsvariante mit einem Fb 8A Boulder zur Non à la Bombe (8c+) von Fred Nicole dar. Der Charakter der Route ist jedoch anhaltend, es gibt in der leicht überhängenden Wand keinen Ruhepunkt und auch keine guten Griffe. Einen guten Eindruck davon kriegt man auf dem Durchstiegsvideo. David selber stuft seine Route als deutlich schwieriger ein wie die Bain de Sang, welche er ebenfalls gepunktet hat. Im Mai 2016 wurde die Route vom erst 20-jährigen Berner Alexander Rohr wiederholt und der Grad bestätigt.

David Hohl in Ultime Souffrance (9a). Foto: C. Remy / camptocamp.org

St. Triphon: Amazonie (9a)

Hierbei handelt es sich um ein Langzeit-Projekt von Fred's älterem Bruder François Nicole, welches er im November 2009 schliesslich punkten konnte. Die Route ist kurz, dafür umso (finger)kräftiger und weist einen weiten, dynamischen Zug auf. Die erste Wiederholung geht im April 2017 auf das Konto von Nils Favre. Er identifizierte auf den nur 11 schweren Zügen 3 bouldrige Sektionen, zuerst kleingriffig an scharfen Crimps, dann ein horizontaler Dynamo und zuletzt eine Passage mit einem schlechten Heelhook. Hier sein Original-Posting mit einem kurzen Video auf Instagram.

François Nicole in seinem Anschlussprojekt in St. Triphon, welches die Schlusscrux der Amazonie (9a) mit einem noch schwereren Diagonaleinstieg von links her über eine 8b und eine 8c erreicht. Bild: filmic.ch

Rawyl: La Cabane au Canada (9a)

Diese Route im fantastischen Sportklettergebiet von Rawyl ist mit rund einem Dutzend Begehungen zusammen mit Bain de Sang die am meisten wiederholte Route im neunten Grad der Schweiz. Zu erwähnen ist hierbei, dass hier auch einige weniger bekannte, lokale Kletterer erfolgreich waren. Es handelt sich um eine rund 30m lange, stark überhängende Ausdauerroute an "guten" Griffen. Ein Fb 7B-Boulder jagt den nächsten, dazwischen gibt es immer wieder Schüttler, aber richtig gute Ruhepunkte sind Mangelware. Sie wurde ursprünglich vom Riss-Spezialisten Didier Berthod als 8c+ eingerichtet, später fügte Lionel Clerc einen schwierigeren, direkten Einstieg hinzu und punktete diese Variante im Jahr 2006 als 9a. Besonders zu erwähnen ist die Onsight-Begehung im Juli 2013 durch Adam Ondra. Es handelt sich damit um die zweite 9a weltweit, die in diesem saubersten Kletterstil wiederholt werden konnte. Eigentlich war Adam diese Performance schon einige Male zuvor gelungen, jedoch wertete er alle diese mit 9a bewerteten Routen nach seiner Onsight-Begehung auf 8c+ ab. Nicht so jedoch hier, wo er Cabane au Canada als Low-End-9a bestätigte. Die meisten anderen Wiederholer verwendeten ebenfalls den Zusatz "soft" im Zusammenhang mit dem Grad 9a, andere meinten sogar, es könnte auch nur eine 8c+ sein. Das letzte Wort in Bezug auf die definitive Bewertung ist hier wohl noch nicht gesprochen.

Pirmin Bertle restet in Cabane au Canada (9a). Bild: www.lizardclimbing.com

Charmey: Force du Rapport (9a)

Hierbei handelt es sich um eine weitere 9a von Pirmin Bertle aus dem Sektor Tribune bei Charmey, welcher neben St. Loup definitiv den 9a-Hotspot der Schweiz darstellt. Der rote Punkt fiel hier im April 2010, Wiederholungen sind bisher keine bekannt. Die Route ist eine Ausstiegsvariante zu Rapport de Force (8b+), welche einen Fb 8A-Boulder beinhaltet. Fokussieren wir an dieser Stelle doch noch auf die Art und Weise, wie Pirmin zu den Bewertungsvorschlägen von seinen Routen kommt. Er stützt sich sehr stark auf das sogenannte Time Comparison Grading ab. Das ist eine Theorie die besagt, dass der nächsthöhere Grad (d.h. jedes "+" mehr) die doppelte Anzahl an Versuchen fordert. In seinem Fall sind das grob 2 für 8b, 4 für 8b+, 8 für 8c, 16 für 8c+, 32 für 9a, 64 für 9a+ und 128 für 9b, allenfalls noch korrigiert um einen persönlichen Liegefaktor. Das ist natürlich ein Ansatz, meist ist das blosse, gefühlsmässige Einstufen bei Langzeit-Projekten am persönlichen Limit ja schwer bis unmöglich, weil in der Regel auch die umfassenden Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Andererseits kann man gerade bei sehr schweren Erstbegehungen auch viele Versuche ohne relevanten Fortschritt verbraten. Und sowieso, es gibt einen Punkt, wo Time Comparison Grading nicht mehr aufgeht. Für mich persönlich sind 2 Versuche in etwa bei 7b+ nötig, bis zum Grad 8a (16 Versuche) oder vielleicht auch 8a+ (32 Versuche) funktioniert die Methode auch mehr oder weniger. Ob mich dann allerdings schon 64 Versuche auf 8b, 256 auf 8c oder 1024 auf 9a bringen könnten, ist doch eher zu bezweifeln. Wenn Niveau und Fitness dafür fehlen, so bringen irgendwann natürlich auch unerquickliche Versuche nichts mehr. Aber das sind eh alles Gedankenspiele - die Kletterei spielt sich am Fels ab, und die Wahrheit liegt im Durchstieg von Force du Rapport...

Pirmin Bertle in seiner Route Force du Rapport (9a) im Sektor Tribune bei Charmey. Bild: Serge Zacharias / lizardclimbing.com

Charmey: Le Donjon de Naheulbeuk (9a)

Auch diese Route befindet sich in der Tribune und wurde im April 2009 nach rund 50 Versuchen von Daniel Winkler gepunktet. Ohne Erfahrung mit Routen oberhalb von 8c (welche er auch schon in nur einem Tag klettern konnte) schlug er als Bewertung einfach den nächsthöheren Grad von 8c+ dafür vor, sie wird aber inzwischen als sichere 9a gehandelt. Pirmin Bertle blieb in dieser Route bei über 200 Versuchen der Erfolg bisher (einige Male nur sehr knapp) verwehrt. Die Route braucht sehr viel Maximalkraftausdauer, leitet die 26 Züge lange Crux doch direkt von einem Fb 7C+ Boulder in einen Fb 8A Boulder über. Man kann den Erstbegeher Daniel Winkler auch auf Video in der Route verfolgen.


Tüfleten: Im Reich des Shogun (9a)

Eine mythische Route, die aktuell schwerste im Basler Jura. Der Local Eric Talmadge bearbeitete dieses Stück Fels 13 Jahre lang, bevor ihm im Jahr 2000 nach über 500 Versuchen die erste Begehung gelang. Wobei er auch gar nicht immer in der Tüfleten anzutreffen war. Dem Vernehmen nach beinhalteten seine Vorbereitungen u.a. auch ein striktes Diät-Regime, knallhartes Fingerkraft-Training und das Einüben einer Replika an seiner Kletterwand daheim. An den Fels ging er im Lauf der Zeit nur noch, wenn exzellente Bedingungen auf einen Durchstieg hoffen liessen. Da im Lauf der Jahre verschiedene internationale Klettergrössen (u.a. Fred Nicole, Fred Rouhling, Dave Graham, Iker Pou) trotz erheblichem Aufwand an einer Wiederholung der Route scheiterten, wurde gemunkelt, dass der Grad von 9a womöglich untertrieben sei. Dazu trägt sicher auch bei, dass bereits der erste Teil der Route bis zu einem Zwischenstand inzwischen als harte 8c gilt und die schwersten Moves (ca. Fb 8A) ohne Ruhepunkt erst im zweiten Teil folgen. Die Sache gerade gestellt hat dann Superstar Adam Ondra. Er konnte die Route im 2009 am zweiten Tag in seinem insgesamt nur fünften Versuch punkten und bestätigte den Grad von 9a. Danach wurde es wieder ruhig um dieses Stück Fels, bis der nächste Superstar, nämlich Alex Megos, seine Aufwartung im Tüfleten machte. Ende August 2017 konnte er die Route im dritten Go ziehen - ein untrügliches Zeichen, dass die internationale Spitze heute stärker als früher ist.

Eric Talmadge fokussiert im Reich des Shogun (9a). Bild: legrand8.wordpress.com

Gimmelwald: Alpenbitter (9a) & Jungfraumarathon (9a)

Für diese beiden Routen gibt es nur einen einzigen, gemeinsamen Eintrag, obwohl es sich um zwei verschiedene, unabhängige Touren handelt. Der Grund liegt darin, dass mir über diese beiden Testpieces nur relativ wenige Informationen vorliegen. Ebenso wurden beide von Simon Wandeler in den Jahren 2007 bzw. 2008 als erstem gepunktet, er hat sich seither vor allem dem Base Jumping verschrieben. In Alpenbitter bestehen die Hauptschwierigkeiten nach einem Griffausbruch offenbar in einer Boulderstelle, die auf Fb 8A/+ geschätzt wird. Der Jungfraumarathon wartet mit weiten Zügen an delikaten Zangengriffen auf seine Anwärter. Im Mai 2016 wurde der Jungfraumarathon durch den Amerikaner Jonathan Siegrist wiederholt und die Bewertung als zähe 9a bestätigt. Er lässt sich folgendermassen zitieren: "Nowhere to hide on this one. Power endurance on varied terrain, exhausting until the bitter end. This is one of my favorite sends in years". Im Juli 2016 war der Schweizer Andy Winterleitner im Jungfraumarathon erfolgreich und wenig später (Oktober 2016) startete Adam Ondra einen Onsight-Versuch an dieser Linie. Gemäss seinen Aussagen interpretierte er eine Stelle falsch und stürzte, rein kräftemässig hätte es vermutlich gereicht. Den Rotpunkt holte er sich dann problemlos im zweiten Go. Tja, so geht's, wenn man's drauf hat. Zuletzt: Alpenbitter bleibt bis dato trotz etlicher Versuche unwiederholt.

Die Wand von Gimmelwald in der alpinen Szenerie des Lauterbrunnentals. Foto: serious-climbing.blogspot.com

Bilitscher: Passion (9a)

Über diese Route ist nur wenig bekannt - sie befindet sich denn auch in einem geheimen oder zumindest unveröffentlichten Gebiet am Hasliberg. Die Erstbegehung geht auf den Local Hanspeter Bodmer zurück. Er hat sich so lange an der Route versucht, bis er irgendwann ging. Das heisst aber auch, dass er sich danach nicht im Stand fühlte, einen sinnvollen Bewertungsvorschlag abzugeben - eine Emotion, welche mir persönlich nach langem Probieren und einem überraschenden Durchstieg durchaus wohlbekannt ist. Im Jahr 2002 erfolgte schliesslich eine Wiederholung durch Dave Graham. Auf seinem Profil auf 8a.nu hat er die Route zwar mit dem (halboffiziellen) Grad von 8c+ geloggt. Im Berner Oberland wird aber in harter Währung bezahlt, denn Dave's Aussagen zu Folge sei Passion definitiv härter "wie alle 8c+ in den USA". Damit ist eine Tendenz zur 9a kaum von der Hand zu weisen. Die Zeit wird es hoffentlich zeigen...


Bubiwändli: Aragon (9a)

Bubiwändli tönt klein und niedlich, doch das trifft vor allem auf die Grösse der Griffe an dieser Wand zu. Dieses Stück Fels ist steil und arm an Struktur, einige Leisten und vor allem seichte, schlecht zu greifende Tropflöcher müssen fürs Fortkommen ausreichen. Aragon (9a) ist eine Ausstiegsvariante zur Route Denethor (8b+) und beinhaltet am Ende noch einen diffizilen 8A-Boulder an schlechten Griffen. So mag es nicht erstaunen, dass hier Stephan Schibli im November 2008 als Erster zum Erfolg kam. Seither ist nicht über Wiederholungen oder zumindest Versuche bekannt.


Ibergeregg: Pantheon Part 2 (9a), Brissago Extra (9a) & Arcobaleno Direkt (9a).

Nicht, dass ich diese Routen je probiert hätte. Aber ehrfürchtig unter der steilen NW-Wand am Westgipfel des Chli Schijen und damit am Einstieg durchmarschiert bin ich schon etliche Male auf dem Weg zu den schönen (und auch nicht ganz einfachen) Routen auf der sonnigen SW-Seite. Die ersten beiden genannten 9a's wandeln - zumindest teilweise - auf den Spuren von alten Technorouten, welche hier in den 1960er- und 1970er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hineingeklopft wurden und auch heute noch üppig mit blauer Farbe markiert sind. Das Gestein in diesem Sektor scheint (mir) für die Freikletterei nicht ganz so attraktiv. Es sieht teils etwas splittrig aus, Feuchtigkeit kann lange ein Problem darstellen und überhaupt, sehr unangenehm kleingriffig sieht das aus. Nichts für mich, aber dafür ein Segen für den bereits mehrfach erwähnten Nahezu-Local Stephan Schibli, welcher hier 2004 mit Brissago Extra (9a) und 2005 mit Pantheon Part 2 (9a) erfolgreich war. Brissago Extra steigt über den mit 8c+ bewerteten Part 1 von Pantheon ein und benützt den Ausstieg von Feudel des Bösen (8b+). Somit haben die beiden Routen einen wesentlichen Teil gemeinsam; Pantheon Part 2 besteht aus einem kleingriffig-bouldrigen, separaten Ausstieg zu Part 1 - über dessen isolierte Schwierigkeit ist mir leider nichts bekannt. Von Wiederholungsversuchen dieser beiden 9a's weiss ich nichts, weshalb deren Schwierigkeit als unbestätigt anzusehen ist. Im Sommer 2017 kam dann ebenfalls durch Stephan Schibli noch die sehr direkt gekletterte Kleinstgriff-Variante von Arcobaleno (8c) hinzu, welche ebenfalls bei 9a einchecken soll.

Am idyllisch gelegenen Chli Schijen auf der Ibergeregg, die NW-Wand mit den schweren Routen am linken Bildrand.

Amden: L'isola che non c'è (9a)

Boulder oder Route? So restlos klar ist das im Fall von L'isola che non c'è (9a) nicht. Dieses Werk vom unverwüstlichen Boulderkönig Fred Nicole beginnt nämlich mit einem Sitzstart und führt dann über mehrere Meter in Bodennähe aus einer Grotte in der Nähe von Amden hinaus. An deren Ende befindet man sich jedoch so weit vom Grund entfernt, dass das Seil gerne in die paar steckenden Bohrhaken eingeklippt wird. Vielleicht ginge es mit einer Armee von Spottern und dem Platzieren einer Jahresproduktion an Pads auch komplett seilfrei, wer weiss. Speziell erwähnenswert ist auch, dass diese Tour das am längsten währende Projekt von Fred Nicole war - und der hat ja weitherum manches Testpiece hinterlassen. Allerdings war er zum Zeitpunkt der Erstbegehung im März 2009 auch schon ein paar Jahre älter wie zu seinen absoluten Blütezeiten der 1990er-Jahre. Fred selber hat die Route übrigens nicht präzise bewertet, sondern einfach die Aussage "im neunten Grad" gemacht. Nachdem hier noch kein Zweiter erfolgreich war, bleibt es vorerst bei dieser vagen Angabe. Wer will, kann sich mit diesem schönen Video Appetit auf die Route machen oder die richtige Beta abschauen.


Voralpsee: Speed Intégrale (9a)

Die Route Speed wurde 1995 von Beat Kammerlander gepunktet und mit dem Grad 8c+ bewertet. Sie wurde seither schon rund ein Dutzend Mal wiederholt, die perfekte, extrem technische Wandkletterei in sehr strukturarmem Fels sucht ihresgleichen. Im 2011 kletterte Cedric Lachat als erster im Anschluss an Speed noch die gut erreichbare Verlängerung der Route Lucy mit dazu. Diese umfasst nur etwa 5m an zusätzlicher Kletterei und erhöht den Grad von Lucy von 7c+ auf 8a+. Ob diese auf Fb 7A geschätzte Boulderstelle auch reicht, um aus einer 8c+ eine 9a zu machen, insbesondere da es vor dieser Verlängerung einen vernünftigen Schüttelgriff gibt?!? Die Meinungen dazu sind geteilt. Cedric Lachat z.B. äusserte sich so, dass der 8c+ Teil von Speed alleine schon so schwer sei, dass er den Grad 9a verdient hätte (und in anderen Klettergebieten auch erhielte) und daher diese kleine Extension für eine 9a ausreiche. Jonathan Siegrist bestätigte den Grad von 9a für den Gesamtdurchstieg ebenfalls, Dagegen steht die Aussage von Nico Favresse, dass man in der Verlängerung niemals scheitern werde, falls der Strom für einen Durchstieg von Speed vorhanden sei. Die Gesamtlinie sei daher auch nur als 8c+ zu werten. Im Juli 2016 konnte die Speed Intégrale auch vom Local Dani Benz gepunktet werden. Er ist ganz klar der Meinung, dass die Verlängerung den Schwierigkeitsgrad nicht erhöht. Nachdem ich ihn etliche Male in der Tour gesichert und auch ein paar Griffe angefasst habe, dünkt mich das schon stimmig. Am Stand der Speed gibt's einen relativ guten Griff, und die Moves der Lucy-Verlängerung haben einfach niemals die Intensität derjenigen vom unteren Speed-Teil, so grob zwischen dem 2. und 6. Haken. Ende August 2017 sicherte sich auch Alex Megos eine Begehung der Speed Intégrale. Während er den unteren Teil, d.h. die eigentliche Speed am ersten Tag in seinem zweiten Go durchsteigen konnte, gelang die Integralversion erst am zweiten Tag im sechsten Go. Somit war die Verlängerung für ihn offenbar nicht nur Formsache. Rapportiert wurde der Grad 9a, ob er damit einfach dem Mainstream gefolgt ist oder ob es sich um eine fundierte, persönliche Einschätzung handelt, bleibt mir unbekannt.

Wer Speed will, muss ordentlich Gas geben. Grossgriffig und mit üppigem Trittangebot ist das definitiv nicht. Und eng gebohrt ebensowenig.

Voralpsee: Missing Link (9a)

Ein weiterer Voralpsee-Meilenstein von Beat Kammerlander. Hier fiel der rote Punkt anno 1997. Diese Route hat jedoch nie den Nimbus von Speed erreicht. Das liegt in erster Linie daran, dass sich Missing Link (9a) nicht an der Voralpsee-Hauptwand befindet, sondern etwas oberhalb. Den meisten ist vermutlich nicht einmal klar, wo genau man die Linie findet. Der Einstieg ist nur nach einem heikel-gefährlichen, unbequemen, alpine Ausrüstung erforderlichen Zustieg im Schrofengelände erreichbar, andere Routen gibt es dort oben auch nicht. Beat Kammerlander hat die Route ursprünglich mit dem Grad 11 und damit schwerer als Speed bewertet, ob das jetzt nur eine 8c+/9a oder eine volle 9a ist, sei dahingestellt. Eine Wiederholung und damit Zweitmeinung zur Schwierigkeit gab es lange keine, daher wurde diese Tour nach dem Motto "im Zweifel für den Angeklagten" in die 9a-Liste aufgenommen. Dem Vernehmen nach sollen weite Teile der Route gut kletterbar sein (was immer das genau heisst...), bis eben auf den Missing Link, einer kurzen, extrem kleingriffig-bouldrigen Zone auf dreiviertel Höhe. Im Mai 2016 wurde die Route vom Amerikaner Jonathan Siegrist wiederholt. Seine Erfahrungen hat er auf seinem Blog dokumentiert. Er fand die Route extrem verdreckt vor, konnte sie nach einer ausgiebigen Putzaktion jedoch sehr schnell punkten. Nach seiner (nicht ganz zweifelsfrei formulierten) Meinung checkt Missing Link jedoch eher bei 8c+ ein. An einem bitterkalten Wintertag im Januar 2017 holte sich der Local Daniel Benz mit seinem 21. Versuch die dritte Begehung. Er meinte, die Route sei wohl etwa ähnlich schwer, evtl. einen Tick härter wie Speed (8c+), so dass Beat Kammerlanders ursprünglicher Vorschlag von 8c+/9a ganz gut hinkomme. Hier gibt's ein Video zu seiner Begehung.

Situation am Voralpsee und Lage der Route Missing Link (9a). Das Gelände oberhalb vom Hauptsektor ist sehr steil und unwegsam, der Zusang zu Missing Link nur mit Seilsicherung oder Fixseilen möglich. Falls jemand im Hauptsektor zugegen ist, sollte er nicht angegangen werden, um die Kletterer nicht mit Steinschlag von oberhalb zu gefährden.

Magic Wood: Unendliche Geschichte (9a)

Das ist doch ein Boulder, oder?!? So werden wohl die meisten denken, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Es handelt sich hierbei aber tatsächlich um den berühmten Block am Bach im Magic Wood. Kein geringerer als Chris Sharma hat diesen stark überhängenden Sloper-Quergang an von Hochwasser glattgewaschenem Gestein als Erster gezogen. Für dieses relativ lange Boulderproblem mit seinen rund 17 Zügen gilt ein Bouldergrad von Low-End 8B+. Einziger kleiner Schönheitsfehler dabei: es endet an einem guten Abschlussgriff und nicht auf dem Block. Vom Abschlussgriff, welcher eine gute Rastposition hergibt, bis zum Top sind es dann nochmals ca. 9 Züge, welche als Boulder bei ungefähr 7B+ einchecken. Dieser Teil ist mit 3 BH gesichert, die erste Komplettbegehung wurde im August 2009 von Peter Würth durchgeführt. Er hat den ersten Teil, d.h. den klassischen 8B+ Boulder bis zum Abschlussgriff, seilfrei geklettert und sich dann dort in das bereithängende Seil eingeklippt. Für den Durchstieg wurde der Grad 9a vorgeschlagen, er kann hier auf Video verfolgt werden. Bisher sind zwei Wiederholungen bekannt, und zwar von Anthony Gullsten im Jahr 2014 und von Christof Rauch im Oktober 2017. Ich hege den leisen Verdacht, dass mancher der Top-Boulderheroes, die hier schon vorbeikamen, die Komplettlinie wohl ohne grossen Zusatzaufwand hätten holen können - wahrscheinlich war es den meisten zu wenig wichtig, oder sie hatten schlicht und einfach kein Seil, Klettergurt und Exen dabei. Vermutung vom Spielfeldrand: mit etwas Kühnheit, genügend Pads und Spottern geht auch die Komplettlinie seilfrei - ein schwerer Boulder mit einem deutlich leichteren Highball-Ausstieg. We will see... 

Der Erstbegeher Peter Würth rastet am Ausstiegsgriff der 8B+ Bouldervariante. Es folgen ein paar seilgesicherte Züge zur Kante. Bild: youtube.com

Sonlerto: Coup de Grace (9a)

Diese Route befindet sich an einem 25m hohen Riesen-Felsblock in einem Bachbett bei Sonlerto im Tessin und führt durch dessen massiv überhängende Seite. Sie wurde im Jahr 2005 von Dave Graham erstbegangen und mit dem Grad 9a+ bewertet. Im Jahr 2011 gelang dem Italiener Gabriele Moroni die erste Wiederholung. Er fand eine nach seinen Aussagen deutlich einfachere Lösung auf den ersten Metern (ca. Fb 8A anstelle der Originallösung von Dave Graham, welche er auf Fb 8B einstuft), womit sich der Grad für den Gesamtdurchstieg nach seiner Einschätzung auf 9a verringert. Im Herbst 2015 konnte sich auch der junge Italiener Stefano Carnati eine Begehung krallen. Es war seine erste Route im Grad 9a und ist aktuell auch die einzige in diesem Grad auf der Alpensüdseite. Anfang September 2017 flüchtete Alex Megos von der regnerischen Alpennordseite ins Val Bavona und konnte die Coup de Grace im dritten Versuch bezwingen - er hat sie als 9a bezeichnet.

Der Block mit Coup de Grace 9a in Sonlerto. Foto: gabriele-moroni.blogspot.com

Weitere Möglichkeiten im Bereich 9a

In dieser Auflistung mit Absicht weggelassen habe ich die Route Fingertest (9a) im Muotathal. Sie ist zwar so und mit diesem Grad im Topo aufgeführt. Ich konnte jedoch keine Informationen auftreiben, ob die Route tatsächlich rotpunkt begangen wurde, und auch nicht, wer für diesen Erfolg verantwortlich sein könnte - was aber natürlich nicht heisst, dass es keinen Erfolg gab. Ebenso fehlt Eau Profonde (Fred Nicole, Oktober 1997) im Kesslerloch bei Schaffhausen. Hier wurde bei der Erstbegehung seilfrei geklettert, somit handelt es sich eher um einen Dach-Boulder mit der Bewertung von Fb 8B+. Rein aufgrund der Länge ist die Kletterei aber schon routenähnlich, weswegen auch ein Routengrad von 9a vergeben wurde. Ähnliches gilt für die Quergangs-Boulder im Lindental, welche alle seilfrei geklettert werden. Hier gibt es Mediomalomania und Minimalomania von Pirmin Bertle mit Routengraden im Bereich 9a+, die berühmte E la Nave va und weitere, welche man aber kaum als Kletterrouten bezeichnen kann.

Freitag, 15. April 2016

Eisschlag in der Eiger-Westflanke

Der Hängegletscher in der Eiger-Westflanke: wer schon einmal da war, hat sicher (oder zumindest hoffentlich) mit leicht ungutem Gefühl dort hinauf geschaut. Und das nicht etwa zu unrecht, wirft der doch regelmässig kleine oder grössere Bröcklein in die Tiefe. Daher steht er einerseits unter ständiger Beobachtung, andererseits ist der Weg durch die Westflanke offiziell gesperrt. Dies ist ein Faktor, wenn es um den Abstieg vom Klettersteig Rotstock geht, um den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler wie Freakonomics und Deep Blue Sea, sowie vor allem für die Skitour und natürlich auch den Auf- und Abstieg zu Fuss durch die Westflanke.

Unterwegs auf dem Sommer-Normalweg durch die Eiger-Westflanke, welche gleichzeitig Zu- und Abstieg für alle Kletterrouten am Genfer Pfeiler darstellt, für die Base Jumper der Aufstieg zum Pilz und für die Klettersteigler der Abstieg vom Eisenweg zum Rotstock. Wenn massiv Eis abbricht, so ist man hier genau in der Schusslinie. Im Aufstieg ist man ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich, im Abstieg ca. 20 Minuten. In Originalauflösung ist übrigens auch noch mein Kollege Adrian am Gleitschirm sichtbar, der hier per Zufall während unserem Abstieg von der Deep Blue Sea den Eigergipfel überhöhen konnte.
Diese Woche hat sich nun ein etwas grösserer Abbruch von rund 2000 Kubikmeter ereignet (siehe Pressebericht). Im Vergleich zur gesamten Eismasse von 80'000 Kubikmeter, die als absturzgefährdet gilt, war der aktuelle Abbruch jedoch nur ein Klacks. Dennoch, die Bilder und Folgen dieser Eislawine sind sehr eindrücklich und potenziell katastrophal. Dieses Mal kam zwar niemand zu Schaden. Andererseits, hätten sich Personen in der Flanke befunden, so hätte es wohl kaum ein Entrinnen gegeben. Das sollte einem für alpine Aktivitäten in der Westflanke schon zu denken geben, denn es ist noch viel Eis oben und wann es das nächste Mal kommt, ist offen. Meine Gedanken dazu:

  • Bei der Skitour durch die Westflanke steigt man direkt durch das Couloir unter dem Hängegletscher auf und fährt auch wieder dort ab, hält sich also sehr lange im Bereich der grössten Gefährung auf. Ich persönlich habe aus genau diesem Grund bis dato auf diese Tour verzichtet und werde es auch in Zukunft so halten. Darüber hinaus sind leider auf dieser Tour auch regelmässig tödliche Unfälle durch Abstürze zu verzeichnen. Die Fahrerei ist wegen verdeckten Steinen in der Gipfelflanke denn auch heikel.
  • Der "Sommerweg" für Auf- und Abstieg durch die Westflanke ist vor allem im unteren Teil bis etwa 100hm über den Rotstock gefährdet und deshalb offiziell gesperrt. Im oberen Teil besteht keine Gefahr durch den Hängegletscher. Bei zügigem Aufstieg hält man sich ca. 40 Minuten im Gefahrenbereich auf, im Abstieg ca. 20 Minuten. Bei einem kleineren Abbruch findet man vermutlich etwas Deckung, geht der Hängegletscher aber massiv (mit starker Druckwelle!) ab, so wird es definitiv kritisch.
  • Die obigen Bemerkungen gelten auch für den Zustieg zu den Kletterrouten am Genfer Pfeiler, welcher über den Sommerweg durch die Westflanke verläuft. Ein gewisses objektives Gefahrenpotenzial ist da nicht wegzudiskutieren. Es kann minimiert werden, indem man über den Klettersteig Rotstock auf- und absteigt. Sodann sind es vom Ausstieg des Klettersteigs nur ein paar wenige Minuten, wo man sich in der Gefahrenzone aufhält. Der Weg über den Klettersteig ist nicht uninteressant, braucht aber in beiden Richtungen sicher deutlich mehr Zeit (ca. eine halbe Stunde pro Weg, würde ich schätzen).
  • Beim Abstieg von einer Eigernordwand-Durchsteigung im Winter wählt man in aller Regel auch die Skiroute, welche ins Couloir direkt unter dem Hängegletscher führt. Dies ist deutlich einfacher und schneller wie der (Sommer-)Normalweg durch die Westflanke. Wahrscheinlich werden die meisten (verständlicherweise) bei dieser Variante bleiben, auch wenn man sich dabei 1-1.5h sehr stark der Eisschlaggefahr aussetzt.
Übersichtsbild der Westflanke, das die Situation noch etwas verdeutlicht. Der untere Teil, dem Eisschlag exponierte Teil zum Rotstock ist hier nur schlecht einsehbar. Aber von diesem und dessen Exponiertheit gibt das obere Bild einen repräsentativen Eindruck.

Mittwoch, 6. April 2016

Rätikon / Schweizereck - Anarchist (8a+)

Unsere Begehung der steilen Route Anarchist (8a+) am Schweizereck im Rätikon liegt zwar schon einige Zeit zurück. Aber anstatt die Erinnerungen, Bilder und Filmsequenzen in der Mottenkiste vergessen gehen zu lassen, sollen hier noch einige informative Zeilen darüber geschrieben werden. Nach langen Wochen des Darbens geht's nun schliesslich definitiv dem Frühling entgegen. Auch wenn für solche MSL-Touren noch etwas an der Form gefeilt und vor allem gehörig Schnee geschmolzen werden muss, kommt langsam aber sicher die Jahreszeit, zu welcher es wieder ernst gilt :-)

Die Wand vom Schweizereck im Rätikon mit dem Verlauf der Route Anarchist (8a+).
Unsere Tour beginnt mit der wie immer holprigen Anfahrt zum Grüscher Älpli, bzw. zum Melkplatz oberhalb, sofern dieser nicht von den Älplern genutzt wird. In einer guten halben Stunde erreicht man von dort über den Wanderweg den flachen Boden unter der siebten Kirchlispitze, von wo es über ein steiles Geröllfeld und eine kurze, drahtseilversicherte Steilstufe zum Einstieg geht. Markiert war dieser zum Zeitpunkt unserer Begehung nicht, dank Kenntnis der Nachbarrouten für uns aber doch eindeutig identifizierbar. Ansonsten mögen hoffentlich das Topo und unsere Fotos helfen. Der Einstieg wird ab etwa 12 Uhr von der Sonne beschienen, wir starteten an diesem relativ warmen Tag aber bereits um 9.00 Uhr. Ob der steilen, athletischen und schweren Kletterei hatten wir uns wie so oft entschieden, die Route mit einem Einfachseil zu klettern, und an einem Halbseil einen Haulbag aufzuziehen, was man an einem Tag mit konstant schwerer Kletterei halt so braucht (unterschiedliche Schuhe, Essen, Getränk, warme Kleider für geduldiges Sichern, ...).

L1, 6a: Unten schöne Platte mit eher weiter Absicherung, oben leicht, aber grasig und brüchig.

Hier geht es los, das Foto möge beim Auffinden des nicht näher bezeichneten Einstiegs dienen.
Rückblick von oben auf L1 (6a), von oben sieht's eher wie der verschärfte Teil vom Wanderweg aus.
L2, 6c: Teils gehörig alpin (grasig/brüchig) und knapp gesichert, am Ende ein paar schöne Meter.

Schöne und schon beinahe genüssliche Kletterei am Ende der herbalpinen L2 (6c). 
L3, 7b+: Querung nach links hinaus, bouldrige Crux, das Finish kühn an kniffligem Riss (Film siehe unten).

Auftakt zu L3 (7b+), die orangen Flechten charakteristisch für diesen Sektor. Hinten die Kirchlispitzen.
Nachstieg am nicht zu unterschätzenden Ende von L3 (7b+).
L4, 7c: Gelbe, schiefrig-glatte Wand zu Beginn, scharfe Tropflöcher zur Schaukel am Ende.

Start in die schiefrig-gelbe Wand von L4 (7c), anhaltende Sache gewürzt mit bouldrigen Einzelstellen.
Kletterei an fetzenscharfen, aber leider kaum so richtig griffigen Tropflöchern am Ende von L4 (7c). 
L5, 7b: Steiler und athletischer Auftakt, zum Ende hin erneut ein Riss. Scharf.

L6, 7c: Zum Dach und in sehr schönem Fels (kurzer Boulder) drüber hinweg, super Länge!

Zum Dach hinauf, bouldrig darüber hinweg und dann in supergenialem Fels weiter geht's in L6 (7c). 
L7, 8a: Lang, steil, athletisch und kurvig (Seilzug!). Teils etwas splittrig, Boulderstellen mit Rests.

Besser liesse sich kaum darstellen, wie steil L7 (8a) ist. Der Fels ist aber teils soso, und Achtung Seilzug!
Am Ende von L8 (8a) muss man dann nämlich von athletischem Gebolze auf diffizile Plattenkletterei umstellen.
L8, 7b: Zwingende Plattenstelle zu kleinem Dach, fordernd für den angegebenen Grad! Guter Fels.

L9, 8a+: Relativ wenig steile Kletterei, dafür aber umso kniffliger.

In L9 war der Ofen dann endgültig aus. Haut-, Kraft- und Zeitreserven waren definitiv aufgebraucht, auch wenn bis zum Top noch zwei Seillängen gewartet hätten, Die in L10 folgende 7c+ sah dabei extrem steil und luftig aus, zur 7b-Abschlusslänge kann ich leider gar keine Aussage treffen. Die steile Abseilerei an teils separaten Ständen (siehe Topo im Extrem Ost) erfordert dann nochmals Konzentration, ist aber tiptop zu meistern. Um etwa 18.00 Uhr setzten wir mit müden Gliedern unsere Füsse wieder auf den Boden. Während dem kurzen Abstieg und der längeren Holperfahrt konnten wir philosophieren. Ja, kein Wunder, dass im Anarchist eine komplette RP-Begehung in einem Tag noch immer ausstehend ist! Die Erstbegeher konnten nämlich nur jede Länge einzeln an verschiedenen Tagen punkten. Doch selbst dies ist schon eine sehr hoch einzustufende Leistung. Für den Gesamtdurchstieg muss man dann doch nach reichlich 7bc-Kletterei in L7, L9 und L10 lange, anhaltende und steile Seillängen in den Graden 8a, 8a+ und 7c+ ziehen. Für mich persönlich ein Ding der Unmöglichkeit, und auch für meinen Seilpartner, der mit diesem Projekt geliebäugelt hatte, nach seinen Aussagen zur damaligen Zeit ein zu ambitioniertes Vorhaben. Avis aux amateurs: soweit ich weiss, steht der RP-Gesamtdurchstieg auch heute noch aus. Zum Schluss noch einige animierte Sequenzen (von mässiger Bildqualität), aufgenommen am Ende von L3 (7b+). Rissklettern? Also sowas...



Facts

Rätikon / Schweizereck - Anarchist 8a+ (7b obl.) - 11 SL, 385m - Wolf/Habersatter/Läng 2009 - ***;xxx
Material: 1x60m Einfachseil, 1x60m Hilfsseil, Haulbag, 16 Express (teils lange!), Camalots 0.5-1

Extremroute mit anhaltenden Schwierigkeiten im Bereich 7bc in teils aussergewöhnlich steilem Fels, der vielfach athletische, mit bouldrigen Stellen gewürzte Kletterei bietet. Die Felsqualität empfand ich nicht als überragend, auch nach den mässig schönen Einstiegslängen ist es manchmal etwas splittrig, oder dann wieder sehr scharf. Schöner, strukturierter und griffiger Fels ist eher der Ausnahmefall, aber vielleicht sollte man diesen auch eher in einer Route im 7a-Bereich suchen ;-) Rein von der Schönheit her beurteile ich das als eine ***-Route. Extrapunkte mögen kompetente Aspiranten sicher für die luftige, herausfordernde Linie und die für MSL-Verhältnisse aussergewöhnlich steile, anhaltende und athletische Kletterei vergeben. In dieser Hinsicht ist die Route für Schweizer Verhältnisse wirklich ziemlich aussergewöhnlich. Die Absicherung darf man als gut bezeichnen, die schweren Stellen sind +/- sportklettermässig eingebohrt. Wo es etwas einfacher wird (7ab), darf man sich aber durchaus dem einen oder anderen (ungefährlichen) Runout erfreuen. Das einfache und brüchige Gelände zu Beginn empfand ich für meinen Geschmack als zu spärlich abgesichert. Ein Topo zur Route findet man im Extrem Ost aus dem Filidor-Verlag.

Noch eine wichtige Ergänzung zum Topo, von einem gebrannten Kind: beim zweitletzten Abseilstand beträt die Abseilstrecke gemäss Topo 55m, was definitiv nicht den Tatsachen entspricht. Es sind nur etwa 30m, und der Stand befindet sich noch im steilen Teil der Wand und nicht auf dem Vorbau, bis wohin die Seile problemlos reichen würden. Unten auf dem Vorbau gibt es keinen Stand mehr, wer also im Vertrauen aufs Topo gegen das Seilende hinunterrauscht, wird nicht um eine mühsame Prusikaktion oder das Improvisieren eines Standes an einem Felszacken herumkommen.